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Nachrichten aus dem Kreisverband


Peter Dr.Behnen

Wie endet der Kapitalismus?

DR.PETER BEHNEN

DIE LINKE FREIBURG

 

WIE ENDET DER KAPITALISMUS?

Der Film „System-Error-Wie endet der Kapitalismus?“ von Florian Opitz von 2018, der 2020 in der ARD ausgestrahlt wurde, beschäftigt sich mit den Folgen des Wirtschaftswachstums. Er will Einblicke in die Welt des Kapitalismus, vor allem des Finanzkapitalismus, geben. Es ist zu sehen, welche Thesen Opitz vertritt und vor allem welche gesellschaftliche Alternative er anbietet. Aus marxistischer Sicht muss insbesondere betrachtet werden, wie Opitz die Struktur des Kapitalismus samt seinen Widersprüchen darstellt und ob er eine Alternative jenseits des Kapitalismus entwickeln kann.

Florian Opitz steigt in das Thema ein, indem er sich die vor allem in den gesellschaftlichen Eliten verbreitete Ansicht vornimmt, das Wachstum der Wirtschaft kenne keine Grenzen. Er hält dem die Auffassung von Karl Marx entgegen, Wachstum im Kapitalismus habe ein Ende und zerstöre das System selbst. An dieser Stelle ist allerdings gegenüber Opitz anzumerken, dass Marx nicht vom Wachstum an sich sprach, sondern vom Grundprinzip des Kapitalismus, der Produktion des Mehrwertes, ausging. Das führt u.a. zum wichtigsten Gesetz dieser Produktionsweise, dem tendenziellen Fall der Durchschnittsprofitrate. Da stößt nach Marx die Entwicklung der Produktivkräfte (technische Entwicklung) an die Grenze des Systems mit der Aufhebung der Produktionsweise als Schluss.

Florian Opitz folgt jedoch nicht der Marxschen Argumentation, obwohl er in häufiger zitiert, sondern der Position Tim Jacksons. Tim Jackson, seines Zeichens Professor für nachhaltige Entwicklung an der Universität Surrey in Großbritannien, gilt als reiner Wachstumskritiker, der einen Wohlstand ohne Wachstum propagiert und Mitglied des legendären Clubs of Rome ist. Opitz stellt seinen Thesen die Vorstellungen verschiedener Vertreter der Industrie und Politik gegenüber, die, wie könnte es anders sein, das Wachstumsstreben aus der Natur des Menschen herleiten. Opitz kritisiert richtigerweise dieses Bewusstsein und führt es auf die Prosperitätsphase des Kapitalismus nach dem 2.Weltkrieg zurück. Dem ist aus marxistischer Sicht zu entgegnen, dass hier tiefer in die Struktur des Kapitalismus eingestiegen werden muss. Dass die Produktion von Mehrwert als Triebfeder des Kapitalismus weder von Industrievertretern, Politikern aber auch vielen Lohnabgängigen nicht erkannt wird, ist nicht auf eine Phase des Kapitalismus beschränkt. An der Oberfläche der Gesellschaft entsteht durch die Kategorie des Arbeitslohnes die Vorstellung, es werde die Arbeit entlohnt und nicht der Verkauf der Arbeitskraft. Die Gesellschaft stellt sich als Gesellschaft gleicher Warenbesitzer dar, die unter sich die Ergebnisse der Wertschöpfung als Leistungseinkommen aufteilen. Die Ergebnisse der gesellschaftlichen Arbeit der Arbeitenden und auch das Wachstum können als naturgegeben angesehen werden und werden nicht mehr auf die Aneignung des Mehrwertes durch Kapitalisten zurückgeführt. Dieses Bewusstsein beherrscht viele Gesellschaftsmitglieder und kann immer dann aufgebrochen werden, wenn die Entwicklung der Wirtschaft nicht mehr reibungslos abläuft.

Florian Opitz sieht nun, dass das Wachstumsbewusstsein seit der Mitte der 70er Jahre erschüttert wurde, weil viele Menschen erfuhren, dass der Kapitalismus nicht mehr prosperiert, sondern mit Arbeitslosigkeit und sozialen Unsicherheit verbunden ist. Opitz sieht nun im Sinne des Clubs of Rome das Ende der Wachstumsgesellschaft gekommen und stellt fest, dass Wirtschaft und Politik die Finanzmärkte als Rettungsanker entdecken. Was Opitz nicht sieht ist, dass sich hier grundlegende Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus durchsetzen. Der tendenzielle Fall der durchschnittlichen Profitrate, der durch das relativ langsamere Wachstum der Arbeitskräfte gegenüber den Produktionsmitteln entsteht, konnte solange überspielt werden, solange das Gesamtkapital schneller wuchs als der Fall der Profitrate. Nur dann konnten die Kapitalisten auf erweiterter Basis produzieren lassen und konnten sowohl Arbeitskräfte und Produktionsmitten gleichzeitig wachsen, wenn auch ungleichmäßig. Diese Phase des Kapitalismus endete mit der Mitte der 70er Jahre und führte zur Entwicklung des Finanzkapitalismus. Kapitalisten versuchten nun durch Börsengeschäfte, Spekulation und Immobiliengeschäfte ihrem Untergang zu entgehen und zur gesteigerten Verwertung ihres Kapitals zurückzukehren. Es geht also nicht um ein Phänomen einer Wachstumsgesellschaft, sondern um grundlegende Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus. Florian Opitz beschreibt nun richtig, mit welchem Bewusstsein die handelnden Personen auf den Finanzmärkten agieren, zum Beispiel Vertreter von Allianz und anderen Finanzkonzernen, die selbst als Gefangene des Wachstums der Finanzmärkte dargestellt werden. Das Schuldenmachen wird nun aus Sicht von Opitz zur treibenden Kraft des Kapitalismus. An dieser Sichtweise ist richtig, dass Geld und Kredit notwendige Elemente der kapitalistischen Produktionsweise sind und sich zeitweilig gegenüber der Mehrwertproduktion verselbständigen können, aber in letzter Instanz immer wieder auf die Produktion des Mehrwertes zurückzubeziehen sind. Es ist eine Illusion zu glauben, dass auf die Dauer die Verselbständigung der Finanzmärkte im Kapitalismus weitergetrieben werden kann, ohne das gesamte System zum Einsturz zu bringen. Das wäre dann auch das Ende der Mehrwertproduktion und der privaten Kapitalverwertung. Auch Opitz sieht das Ende, aber bedingt durch die Gier nach Wachstum und nicht aufgrund der Gesetzmäßigkeiten der Mehrwertproduktion.

Auch Florian Opitz fragt nach Alternativen zu dieser Wirtschaftsordnung und kommt auf die VR China als Alternative. Er stellt fest, dass auch hier das Wachstum ganz großgeschrieben wird, Er unterlässt es allerdings, genauer den sogenannten „Sozialismus chinesischer Prägung“ zu untersuchen und den Unterschied zu kapitalistischen Gesellschaften herauszuarbeiten. Eine solche Untersuchung hätte ergeben, dass hier in kurzer Zeit ein unterentwickeltes Land in eine moderne Industriegesellschaft transformiert wurde, mit allerdings großen sozialen Ungleichheiten und politischen Widersprüchen. Sie hätte aber auch ergeben können, dass eine sozialistische Marktwirtschaft eine Alternative zum Kapitalismus erbringen könnte und, im Gegensatz zur VR China, eine Demokratisierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

Opitz sieht richtig, dass das Kartenhaus der Finanzmärkte 2008 zusammenbrach, begonnen beim Zusammenbruch der Lehman Brothers. Ihm ist auch zuzustimmen, dass die Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung des Finanzsektors gegeben war und diese Chance vertan wurde. Der digitale Kapitalismus wurde inzwischen als Rettungsanker des Kapitalismus propagiert. Opitz gibt zu bedenken, dass nun ein Verteilungsproblem entstünde, weil durch die fortschreitende Automatisierung immer mehr Menschen aus dem Produktions- und Dienstleistungsprozess verdrängt würden, deren kaufkräftige Nachfrage dann an den Märkten fehlte. Es hätte von ihm aber deutlicher herausgestellt werden müssen, dass es darum geht, die Verteilung als Kehrseite der Produktionsverhältnisse zu begreifen und diese grundlegend zu verändern sind. Das würde bedeuten, schrittweise den Profit als Steuerungselement der Wirtschaft zurückzudrängen und durch eine schrittweise Demokratisierung Anknüpfungspunkte einer neuen Wirtschaftsordnung zu schaffen. Da bei Opitz dieser Weg zu einer nachkapitalistischen Ordnung nicht deutlich wird und er bei einer allgemeinen Wachstumskritik bleibt, bleibt für ihn nur die Hoffnung auf Veränderung ohne Vorschläge für eine alternative Ordnung.

 


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