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Nachrichten aus dem Kreisverband


Dr.Peter Behnen

Digitalisierung im Kapitalismus

DIE DIGITALISIERUNG IM KAPITALISMUS (1).

Im Kapitalismus konnten bisher zwei Betriebsweisen unterschieden werden. Die erste Betriebsweise begann im 19.Jahrhundert und war dadurch gekennzeichnet, dass auf Basis der großen Industrie eine beständige Revolutionierung der technischen und organisatorischen Gestalt des Produktionsprozesses stattfand. Sie löste damit die Manufakturperiode ab, die noch auf der engen technischen Basis des Handwerks fußte. Die große Industrie hatte durch eine industrielle Maschinerie und gesteigerte Arbeitsteilung innerbetrieblich und außerbetrieblich eine überlegene Produktivität entwickelt. Sie drängte das Handwerk in seiner Bedeutung zurück. Damit verbunden waren neue Transport -und Kommunikationsmittel, die den Umkreis der engen Binnenwirtschaft überschritten. All diese ökonomischen und technischen Umwälzungen waren im 19.Jahrhundert mit Fabrikgesetzgebungen (10-Std.-Tag), neuen Bildungseinrichtungen bis zu Veränderung von Familienstrukturen verbunden, ein neuer Gesellschaftsmechanismus, den Marx als neue gesellschaftliche Betriebsweise bezeichnete.

Der Vorreiter dieser Entwicklung war im 19.Jahrhundert Großbritannien. Bis zum 1.Weltkrieg und besonders in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts war verstärkt in den USA die industrielle Rationalisierung weitergetrieben worden. Diese neue Betriebsweise ging als zweite industrielle Betriebsweise unter dem Namen Fordismus in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte ein. Sie war gekennzeichnet durch standardisierte Einzelteile in der Produktion, Antrieb durch Elektromotoren und Etablierung der Fließbandproduktion. Umgesetzt wurde die neue Betriebsweise zuerst in den Ford-Werken „Highland Park“ und „River Rouge“ in den 1920er Jahren. Der Fordismus hatte als Hauptziel, alle Maßnahmen zu ergreifen, die zur Kostensenkung bei standardisierter Massenproduktion führten. Die Bedeutung der Gewerkschaften und anderer Organisationen der Arbeiterbewegung nahm zu und es konnte im Laufe des Jahrhunderts der Staat, nach langen und mühevollen Klassenkämpfen, zum Sozialstaat mit Sozialversicherungen und gesteigerten Geld- und Realtransfers weiterentwickelt werden.

Mit der Bezeichnung „Industrie 4.0“ und einer Digitalisierung und Entwicklung einer künstlichen Intelligenz deutet sich heute eine neue technische Revolution an. Mit „Industrie 4.0“ ist die 4. industrielle Revolution gemeint, nach der Mechanisierung (1.0), Elektrifizierung (2.0), Automatisierung (3.0) und nun Vernetzung (4.0). Aus marxistischer Sicht ist zu fragen, ob gerade eine umfassende ökonomisch-soziale Veränderung, eine dritte industrielle Betriebsweise also, stattfindet. Es ist notwendig, eine genaue Einschätzung des digitalen Kapitalismus vorzunehmen.

Die Grundvoraussetzung der Digitalisierung vieler Lebensbereiche sind ständig erweiterte Datenverarbeitungskapazitäten auf Basis der Mikroelektronik. Damit verbunden ist ein weltweites Datennetzwerk über das Internet, das eine Kommunikation und Interaktion zwischen Personen, Unternehmen und Institutionen national und international ermöglicht. Die Durchführung der Aktionen erfolgt über Plattformen verschiedenster Art, die eine Hierarchie aufweisen. Es gibt sogenannte Meta-Plattformen, die international etablierte Betriebssysteme und darauf bezogenen Endgeräte setzen. Diese Meta-Plattformen werden von amerikanischen oder chinesischen Internetunternehmen betrieben, Alphabet (Google) und Apple (Microsoft) amerikanisch und Alibaba und Baidu chinesisch. Diesen Meta-Plattformen stehen eine Vielzahl von Anwenderplattformen gegenüber, die den Zugang der Benutzer zu unterschiedlichen Aktionen ermöglichen. Solche Anwenderplattformen sind zum Beispiel Facebook, Amazon, Zalando und Paypal. Die Meta-Plattformen sind zu beschreiben als Eigentümer einer Plattform und einer Betriebssoftware bei gleichzeitigem Angebot von bestimmten Endgeräten. Der Rest, das heißt die Produktion der sonstigen Hardware mit Servern, Übertragungsnetzen etc. ist das Geschäft von bestimmten Unternehmen der materiellen Produktion und die Netzbetreibung von Telekommunikationsunternehmen. Die Anwendungsplattformen sind demgegenüber hauptsächlich als Vermieter, Händler, Finanzdienstleister und Kommunikationsforen tätig. Bei der Vermietung geht es um Gebrauchswerte, die zeitlich begrenzt bestimmten Nutzern überlassen werden. Marxistisch gesehen handelt es sich bei den vermieteten Sachen um die Form von zinstragendem Kapital in Warenform, das bezahlte Entgelt ein Mietzins. Der Mietzins muss die Verwertung des Eigentumstitels und die Kosten für die Instandhaltung der Mietsache für den Vermieter beinhalten. Im Gegensatz zur plattformgestützten Vermietung einer Sache, übernimmt der Plattformbetreiber beim Handel in der Regel nicht das Eigentum an der Sache, sondern fungiert nur als vorgeschalteter Marktplatz. Er ist Vermittler und übernimmt dabei auch verschiedene Händlerfunktionen. Als weitere Anwendungsbereiche der Plattformökonomie haben sich soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, WhatsApp etc. herausgebildet, die den Nutzern ermöglichen, gehaltvolle Mitteilungen oder vielfach Belangloses zu übermitteln.

In allen aufgeführten Bereichen, der Vermietung, dem Handel und der Kommunikation gelangt der Plattformbetreiber an persönliche Daten des Nutzers. Der Plattformbetreiber kann diese Daten sammeln und als Zusatzgeschäft verwerten. Die Entwicklungsperspektive all dieser Dienstleistungen, sofern sie zu Bezahldiensten werden, besteht in Zukunft darin, dass sie den Plattformbetreibern exorbitante Gewinne und hohe Marktkapitalisierungen ermöglichen. Manche Internetunternehmen weisen inzwischen sehr viel höhere Börsenwerte auf als große Unternehmen aus dem Bereich der materiellen Produktion.

Schon Marx hatte festgestellt, dass im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung allgemeine Produktionsbedingungen möglich sind, die nicht vom Staat sondern auch als privates Geschäft betrieben werden können. Das gilt auch in der heutigen digitalen Welt, in der Infrastrukturen wie zum Beispiel Server oder Übertragungsnetze von privaten Unternehmen erstellt werden. Damals wie heute war die Voraussetzung, dass die Erstellung der Infrastrukturen einen ausreichenden Profit abwerfen. Auf diese Weise ordnet sich die Plattformökonomie in die heutige gesellschaftliche Arbeitsteilung ein. Zuerst waren Netzwerke Partnerschaften zwischen Unternehmen, die gemeinsame Entwicklungsprozesse organisierten. Die Plattform-Infrastrukturen werden inzwischen zum Träger einer schnellen Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Zwar war die schnelle Entwicklung der Produktivkräfte schon immer ein Merkmal des Kapitalismus, jedoch ermöglichen die aus der Mikroelektronik entspringenden Produktivkräfte eine neue Qualität, weil nun die Vernetzung selbstständiger Kapitale national und international vorher bestehende Grenzen des Fordismus überwindet. Während früher die Konzerne Mischkonzerne waren, die ganz unterschiedlichen Waren produzierten mit häufig nicht optimalen Kosten, werden heute durch die Aufspaltung von Betriebsteilen zu Profitcentern Marktbeziehungen zwischen ihnen etabliert. Das führt zu Kostensenkungen und Kostenentlastungen des Gesamtunternehmens. Dadurch werden Mittel für die Produktivkraftentwicklung frei und kann die Optimierung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung weitergetrieben werden.

Diese neue Entwicklung wäre keine kapitalistische, wenn sie nicht durch Deformationen überlagert würde, wodurch die positiven Produktivitätseffekte vermindert oder möglicherweise ganz aufgehoben würden. Wenn Marktakteure miteinander konkurrieren, dann entstehen auch Abhängigkeitsverhältnisse. Das gilt bei Vorlieferanten, die die Preise von ihren Abnehmern diktiert bekommen. Das gilt insbesondere auch bei Internet-Plattformen, wenn eine Meta-Plattform ihre Marktmacht gegenüber Anwenderplattformen ausspielt. Auf diese Weise werden Entwicklungspotentiale der neuen Rationalisierung ausgehöhlt. Trotz alledem schaffen Netzwerkstrukturen im Kapitalismus Kosteneinsparungen und Verbesserungen der Verwertung des Kapitals, weil vorhandene Produktionsmittel von verschiedenen Kapitalen gemeinsam genutzt werden und dadurch der Fall der durchschnittlichen Profitrate abgebremst werden kann. Die Plattformökonomie als gemeinschaftliche Produktionsbedingung der Kapitale wirkt zurück auf die innerbetriebliche Arbeitsteilung. Die Veränderung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung durch die Bildung von Unternehmensnetzwerken ermöglicht neue Formen der Automatisierung. Das betrifft sowohl die einfachen Arbeiten aber darüber hinaus inzwischen auch dispositive Tätigkeiten. Die Steuerung von Einkauf, Lagerhaltung, Fertigung und Absatz wird weiter vervollkommnet. Auch produktionsbezogene Dienstleistungen und komplizierte Tätigkeiten werden automatisierbar. Zudem dringt die Digitalisierung noch weiter in die privaten Haushalte ein, zum Beispiel durch Telemedizin, autonom fahrende KFZ, Robotereinsatz bei Haushaltstätigkeiten etc.

Es könnte jetzt der Gedanke entstehen, die Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Automatisierung könnten so weit getrieben werden, dass gesellschaftliche Arbeit überflüssig werde. Dem ist entgegenzuhalten, dass ein noch so ausgeklügelter Algorithmus die Spezifik menschlicher Arbeit nicht zu ersetzen vermag. Sie besteht nicht nur in der Wahrnehmung der Außenwelt, sondern auch in der schöpferischen Zwecksetzung und der geistigen Vorwegnahme ihrer Ergebnisse. Marx hatte zu seiner Zeit den Vergleich einer Biene mit einem Baumeister gewählt. Der Baumeister hat im Unterschied zur Biene das Resultat seiner Tätigkeit schon im Kopf bevor er es in die Tat umsetzt. Das gilt heute und in Zukunft in Bezug auf kreative und allgemeine wissenschaftliche Entwicklungsarbeit. Die komplexe Arbeit hat in Zukunft trotz Automatisierung eine wichtige wertschöpfende Qualität.

Bevor es jedoch zu einer weitgehenden Automatisierung der Arbeit kommt, sind die bereits heute zu registrierenden Auswirkungen der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz zu betrachten.

1.Durch das Internet über eine oder mehrere Plattformen vernetzte Arbeitsprozesse wird die Entgrenzung der Arbeit befördert, zum Beispiel bei Cloud- und Clickworkern. Es kommt zu Fragmentierungen der Belegschaften.

2. Das Homeoffice spart herkömmliche Arbeitsplätze ein. Die dort Beschäftigten verlieren den direkten Kontakt zu den KollegInnen. Wenn keine Regulierung ihrer Arbeit stattfindet, besteht die Gefahr der Selbstausbeutung.

3.Eine Entgrenzung der Arbeit muss zu einer erweiterten Mitbestimmung der Beschäftigten führen im Rahmen einer neuen Betriebs- und Unternehmensverfassung. Hier liegt die Notwendigkeit, die Beschäftigten am Produktivkapital zu beteiligen, um die Regulierungen abzusichern.

4.Die neue Netzwerkökonomie wird durch den Verwertungszwang des Kapitals beeinträchtigt und die Produktivkraftentwicklung sogar konterkariert. Es entsteht die Frage, welche Auswirkung auf die allgemeine durchschnittliche Profitrate dadurch gegeben ist und ob es wieder eine langfristige Phase der beschleunigten Akkumulation des Kapitals geben kann?

 

Festzustellen ist zuerst, dass es wie bei jeder Produktivkraftentwicklung im Kapitalismus auch bei der Netzwerkökonomie zur Einsparung von Arbeitskräften kommt und Kostensenkungen erreicht werden sollen. Die gemeinschaftliche Nutzung von privatkapitalistischen Infrastrukturen steigert die allgemeine Mehrwertrate, vermindert den Vorschuss beim fixen Kapital und senkt auch die Kosten der unproduktiven Lohnarbeiter des Kapitals in der Zirkulations-phase des Kapitals. All das sind Gegenkräfte gegenüber dem Fall der allgemeinen durchschnittlichen Profitrate. Die steigende Kapitalintensität der Arbeitsplätze, das heißt, dass pro Arbeitsplatz mehr Kapital aufzuwenden ist, bedeutet jedoch eine Verstärkung des tendenziellen Falls. Es zeigte sich allerdings inzwischen, dass das Drehen an der Verteilungsschraube zu Gunsten der Profite bestenfalls zur Stabilisierung der Profitrate auf dem Niveau der Zeit des Fordismus geführt hat. Der Versuch, über Kreditoperationen der Zentralbank abermals eine Stabilisierung des Kapitalismus zu erreichen wird auf Dauer zu einer Kernschmelze des Kredit- und Bankensystems führen. Das gilt auch und gerade für die US-Wirtschaft, die auch durch protektionistische Politik nicht zu stabilisieren sein wird. Die Weltwirtschaft befindet sich wieder an einem historischen Knotenpunkt: neue Produktivkräfte, zum Beispiel im Rahmen der Digitalisierung, sind vorhanden, die kapitalistischen Produktionsverhältnisse hemmen jedoch durch den Fall der Profitrate ihre weitere Entwicklung und damit auch die Etablierung einer neuen Betriebsweise. Es kommt hinzu, dass auch weltpolitisch weder die USA, noch China und die EU als hegemoniale Kräfte eine den neuen Produktivkräften entsprechende Betriebsweise entwickeln können. Die Herausbildung einer neuen Betriebsweise wird nur möglich sein, wenn die kapitalistischen Produktionsverhältnisse reguliert und auf Dauer ganz zurückgedrängt werden. Das bedeutet, die Abhängigkeit der Akkumulation von der Maximierung der Profitrate zu vermindern und eine Steuerung des Wirtschaftslebens durch eine gesellschaftliche Strukturpolitik und erweiterte Mitbestimmung der Beschäftigten durchzusetzen. Es ist die Einsicht zu verallgemeinern, dass sich die Trennung der Arbeitskräfte von den Produktionsmitteln und der gesellschaftlichen Infrastrukturentwicklung überlebt hat.

(1) Die Grundlage des Aufsatzes ist der Text von J. Bischoff u.a.: Die Anatomie und Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft, VSA-Verlag Hamburg 2018, S.127-150.

 


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